Homo Empathicus

von Rebecca Kricheldorf

 

Stellen wir uns eine Welt vor, in der es keine sozialen Hierarchien gibt, in der Diskriminierung undenkbar ist, das Geschlecht Privatsache, Arbeitslosigkeit eine neue Chance und der Tod Gelegenheit, kleineren Lebewesen als Nahrung zu dienen. In dieser Welt leben ein „Hygienespezialisiertes“, das für das Reinigen öffentlicher Toiletten geschätzt und bewundert wird, ein „Wegsprechendes“, das Konflikte in Euphemismen ertränkt, und viele andere achtsame, gendergerechte und vor allem empathische Menschen. Die Gesellschaft, die die zeitgenössische Dramatikerin Rebekka Kricheldorf skizziert, ist geprägt von unbedingter Harmonie und zwanghafter Selbstoptimierung. Denn der Traum einer besseren Welt erfordert einen besseren Menschen: einen Homo Empathicus. „Der Mensch ist ein Kuscheltier“, heißt es hier. Aber stimmt das? Kann ein friedliches Zusammenleben gelingen? Oder liegt Aggressivität gegenüber dem Fremden in der Natur des Menschen? Diesen Fragen stellt sich Regisseur Thomas Ladwig gemeinsam mit elf Schauspielstudierenden der Folkwang Universität der Künste.

 

Inszenierung Thomas Ladwig

Bühne Laila Rosato

Kostüm Anita Könning

Dramaturgie Miriam Wendschoff



Presse 

 

 

 

 

 

Großer Beifall für beherzt aufspielende Theater-Eleven

Sven Westernströer

BOCHUM.   In der Satire „Homo Empathicus“ von Rebekka Kricheldorf laufen die Schauspielschüler der Folkwang-Uni im Theater Unten zu großer Form auf.

Stellen Sie sich eine Welt ohne Hass und Gewalt vor, ohne Konflikte und Ärger. Eine Welt, in der Liebe, Zuneigung und Verständnis regiert, in der gesund gelebt, jede Kalorie einzeln gezählt und alles Schöne und Gute im „Dankbarkeits-Tagebuch“ festgehalten wird.

Diese Idee einer utopischen Gesellschaft, die aussieht, als hätten Barbie und Ken eine Sekte gegründet, beschreibt die Dramatikerin Rebekka Kricheldorf in ihrer Satire „Homo Empathicus“, die am Donnerstag unter großem Beifall im Theater Unten aufgeführt wurde.

Rollen sind gerecht verteilt

Entstanden ist das Stück vor zwei Jahren aus Auftragsarbeit zum Start der neuen Intendanz in Göttingen. In Bochum entdeckt Regisseur Thomas Ladwig gemeinsam mit den Schauspielstudenten der Folkwang-Uni die Vorzüge dieser unterhaltsamen Vorlage. Denn die Rollen sind relativ gerecht verteilt, so dass jeder der elf Eleven im Laufe der 90 trubeligen Minuten mindestens einen großen Auftritt für sich verbuchen kann.

Welch formidable Arbeit im Theaterzentrum geleistet wird, verblüfft bei den jährliche Leistungsschauen immer wieder. Da macht auch der aktuelle Jahrgang keine Ausnahme: Obwohl das Stück eher einem großen Ensemble-Reigen gleicht, geht im Gewimmel auf der Bühne niemand unter. Jeder Darsteller formt seine Figur mit viel Liebe. Allein diese beachtliche Gesamtleistung lohnt den Besuch.

Adam und Eva mischen alle auf

Die Gesellschaft auf der Bühne (von Laila Rosato), adrett frisiert und in bunte Stoffkleidung gehüllt, strebt nach Harmonie. Jeder Ansatz eines emotionalen Ausrasters wird streng abgebügelt. Wer aufmuckt, muss zum „Wegsprechen“, einer Therapiesitzung bei Schwester Osho. Überhaupt gibt die Autorin ihrer sonderbaren Kolonie ein zauberhaftes Vokabular mit: Der Gang zur Toilette wird zum Besuch im „Hygienezentrum“, der Lebensgefährte ist „das Lebensmensch“.

Wenn mit Adam und Eva im zweiten Teil zwei normal verkorkste Figuren Einzug in die gleichförmige Idylle halten, wird die Satire zur Groteske – und gerät in relativ vorhersehbares Fahrwasser. Adam und Eva sind Menschen wie wir: Sie rauchen, saufen und haben haufenweise Probleme, die von der utopischen Gesellschaft natürlich kritisch beäugt werden. Kein Zweifel: Die „Wilden“ müssen weg...

Thomas Ladwigs kluge Inszenierung und das beherzt aufspielende Ensemble sorgen für einen sehenswerten Theaterabend. Einzelne Darsteller besonders heraus zu picken, wäre ungerecht. Schade bloß, dass den Eleven für ihre großen Auftritte schon seit Jahren nur der Theaterkeller zur Verfügung steht. So viel Talent hätte eine größere Bühne verdient.

Wieder 25. und 26.2. sowie 10., 12., und 29. März. Karten (12, erm. 8 Euro): 0234 / 33 33 55 55.